Schollheim - Bewohner und Ehemalige

Wanderausstellung „Sophie Scholl“

Rede zur Ausstellungseröffnung

Wanderausstellung „Sophie Scholl“
im Studentenwohnheim Geschwister Scholl am 24. 3. 2021 um 11 Uhr

Prof. Dr. Peter von Rüden

Wer am 27. Juni 1943 sein Radio auf den deutschen Dienst der BBC London eingestellt hatte, konnte die Stimme von Thomas Mann hören:

In diesem Sommer“ – so Thomas Mann – „wurde die Welt aufs tiefste bewegt von der Vorgängen an der Münchener Universität (…….) Wir wissen nun von Hans Scholl, dem Überlebenden von Stalingrad, und seiner Schwester (Sophie v.R.), von Christoph Probst, dem Professor Huber und all den anderen; von dem österlichen Aufstande der Studenten gegen die obszöne Ansprache eines Nazibonzen im Auditorium Maximum, von ihrem Märtyrertod, von der Flugschrift, die sie verteilt haben, und in der Worte stehen, die vieles gutmachen, was in gewissen unseligen Jahren an deutschen Universitäten gegen den Geist deutscher Freiheit gesündigt worden ist.“ Thomas Mann bedauert die Anfälligkeit der deutschen Jugend „für die nationalsozialistische Lügenrevolution“.
Der Gruppe in München seien nun die „Augen geöffnet“, „und sie legen das junge Haupt auf den Block für ihre Erkenntnis und für Deutschlands Ehre“. Die Ansprache an die „Deutschen Hörer“ endet so: „Die Nazis haben schmut­zigen Rowdies, gemeinen Killern in Deutschland Denkmäler gesetzt – die deutsche Revolution, die wirkliche, wird sie niederreißen und an ihrer Stelle eure Namen verewigen, die ihr, als noch Nacht über Deutschland und Europa lag, wußtet und verkündet: Es dämmert ein neuer Glaube an Freiheit und Ehre!“  

Ein solches Denkmal stellen wir Ihnen heute vor. Eine Wanderausstellung, die an eine mutige junge Frau erinnert, an Sophie Scholl, die am 22. Februar 1943 im Strafgefängnis München-Stadelheim zusammen mit ihrem Bruder Hans und ihrem Freund Christoph Probst mit der Guillotine enthauptet wurde. Warum erinnern wir an die Geschichte der Sophie Scholl? Können wir aus der Geschichte, aus dieser Geschichte lernen? Geschichte wiederholt sich nicht, jedenfalls nicht in einer platten, linearen Weise. Aber wir sollten bei der Betrachtung der Geschichte die Ereignisse von hinten aufrollen, von den Millionen Toten des 2.Weltkriegs, der Vernichtung der europäischen Juden, von der Herrschaft einer Ideologie, die aus einem kruden Mix aus Rassismus, Antisemitismus, Militarismus und natio­naler Verblendung bestand und zu einer Umwertung aller Werte führte. Der Historiker wird die Faktoren betrachten, die zu dieser in der Geschichte der Menschheit einmaligen Katastrophe führten, die Entwicklungslinien herausarbeiten und dann können wir mit einem so geschärften Blick die Gegenwart analysieren. Wir stellen konkrete Fragen: Wie konnte es zu der Anfälligkeit der Jugend für die Lügenrevolution kommen? Wie gelang die Befreiung aus der Verblendung? Das kurze Leben der Sophie Scholl lehrt uns beides, die Anfälligkeit für und den Kampf gegen den Nationalsozialis­mus. Aus der Scharführerin des BDM wurde die Widerstandskämpferin.  

Über diesen Weg der Sophie Scholl ist viel geforscht und sind beachtliche Erkenntnisse gewonnen worden. Die Ausstellung, die wir Ihnen heute präsentieren, stellt diese Erkenntnisse vor. Sie sollen unseren Blick für die Gefahren der Verblendung in der Gegenwart schärfen. Auch das war seit 1945 immer wieder notwendig.  

Hier im Saal des Studentenheims Geschwister-Scholl hat genau das Tradition: Das Haus ist ein Ort der Erinnerungskultur, sollte es von Anbeginn sein. Unser Verein wurde 1956 gegründet – von ausgewiesenen Gegnern des Nationalsozialismus:  

▶ von unserem Schirmherrn, Wilhelm Hoegner, der vor der Gestapo von einem mutigen Bergführer über die Alpen nach Österreich gebracht wurde und von dort in die Schweiz flüchten musste.
 
▶ dem Rektor der Universität München, Prof. Marchionini, er kam 1945 aus dem Exil in der Türkei.

▶ von Eduard Goldschagg, bis 1933 ein von den Nazis gehasster, unbeugsamer Redakteur der sozialdemokratischen „Münchner Post“ und erstem Chefredakteur und Mitherausgeber der SZ.
 
▶ von Prof. Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, dem älteren Bruder von Claus, der zentralen Figur des Hitler Attentats vom 20.Juni 1944.

▶ von Ludwig Koch, der bis 1933 Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) war. 1945 von amerikanischen Truppen aus einem KZ befreit wurde. Ab 1953 Vorsitzender des DGB in München.

Der Motor der Vereinsgründung war zweifellos Hans-Jochen Vogel, der in ganz besonderer Weise dem Haus und dem Verein bis zu seinem Tode eng verbunden war.
In einem der letzten Gespräche, die ich noch mit ihm führen konnte, berichtete er von den Gesprächen mit dem Vater der Geschwister Scholl vor der Vereinsgründung. Robert Scholl gab gerne seine Zustimmung zum Namen unseres Hauses, so hat es Hans-Jochen Vogel mir berichtet. Die Hoegners und die Scholls waren nicht nur Nachbarn, sie waren befreundet.    

Unser Vereinsgründer, Dr. Hans-Jochen Vogel, beklagte hier am 7.Janunar 1960 bei der Eröffnung des Hauses „eine Welle antisemitischer und neonazistischer Schmierereien“. Vogel begrüßte den Vater der Geschwister Scholl und sagte weiter:
Gerade das sollte uns Anlass sein, uns mit aller Deutlichkeit zu den Opfern und Märtyrern des National­sozialismus und seiner Greuel zu bekennen. (….)..es hat so gesehen einen tieferen Sinn, dass wir unserem Haus gerade in diesen Tagen den Namen Ihrer von einem verabscheuungswürdigen System ermordeten Kinder geben.“  

Halten wir einen Moment inne.

  Wie froh könnten wir sein, wenn wir heute nur Schmierereien von Neonazis zu beklagen hätten. Leider müssen wir aber die NSU Morde, die Morde von Hanau, das Attentat auf die Synagoge in Halle und den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten beklagen.

Meine Zeit reicht nicht, um das gesamte Spektrum neonazistischer Untaten der jüngsten Vergangenheit aufzulisten, und ebenso wenig die Entgleisungen der neuen Rechten mit brandgefährlichen Verharmlosungen der NS-Zeit zu zitieren, so z.B. als Fliegenschiss in der Geschichte Deutschlands. Nehmen wir bitte die Todeslisten ernst, auf denen bereits engagierte Demokraten stehen.  

Schauen wir nicht weg!

  Ich erlaube mir, das nach dem Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde benannte Theorem „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ etwas zuzuspitzen: Die Demokratie, die humane, soziale Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann oder: Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.   Sophie Scholl war 11 Jahre alt, als die Weimarer Demokratie ihren Totenschein ausgestellt bekam, mit 21 Jahren wurde sie enthauptet, weil Freiheit und Menschen­würde ohne moralische und demokratische Substanz des Einzelnen und der Mehrheit der Gesellschaft nicht überleben konnten.  



Der Ausstellung wünsche ich viele Besucher. Mein Dank geht an Frau Dr. Hildegard Kronawitter und die Stiftung Weiße Rose für den großartigen, unermüdlichen Beitrag zur Erinnerungskultur. Dafür ist diese Ausstellung nur ein herausragendes Beispiel.  

Diese Veranstaltung ist das Ergebnis unserer Zusammenarbeit.

In unserem Haus danke ich unserem Geschäftsführer, meinem Freund Friedrich Graffe, Vera Dippl und Michael Wagner, unseren Heimräten, den Referaten PR und Kultur der Heimselbstverwaltung, der Heimleiterin Alexandra Filser und unserem Hausmeister Franz Flieger, den ich nicht ohne Grund manchmal „unseren technischen Direktor“ nenne. Er hat Fähigkeiten, die ich bewundere. Michael Greinwald, Mitarbeiter der Stiftung und ehemaliger Heimbewohner, hat mit Franz Flieger die Hängung der Banner ausgetüftelt und erledigt. Sie alle haben ganz im Geiste des Hauses diese Vorstellung der Ausstellung möglich gemacht. Herzlichen Dank!!!    

Peter von Rüden

Details | Peter von RüdenDieser Ausstellung wünsche ich viele Besucher.

Mein Dank geht an Frau Dr. Hildegard Kronawitter und die Stiftung Weiße Rose für den großartigen, unermüdlichen Beitrag zur Erinnerungskultur. Dafür ist diese Ausstellung nur ein herausragendes Beispiel.

Peter von Rüden

Weiße Rose Stiftung

Unvergessen...

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Motor der Vereinsgründung





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